Hergatzer pflegen in ihren Ortsteilen den Zusammenhalt von Jung und Alt
"Der Dorfladen ist ein wahrer Segen" - Ruhebänke in Wohmbrechts vermisst

Die Heimatzeitung bittet ältere Mitbürger in loser Folge zum "Seniorenspaziergang". Sie gehen in Begleitung der Redaktion durch ihren Wohnort und zeigen, was dort gut und was nicht so schön ist. Heute: die Gemeinde Hergatz mit den drei großen Ortsteilen Wohmbrechts, Maria-Thann und Hergatz Bahnhof. Von den 2475 Einwohnern sind 435 über 65 Jahre alt (also fast jeder Sechste) und 170 Menschen sind älter als 75 Jahre.
In Hergatz kann man alt werden. Davon ist die 87-jährige Adelheid Müller überzeugt und selbst Beispiel. Nach dem Krieg hat es die gebürtige Schlesierin ins Westallgäu verschlagen. 50 Jahre arbeitete sie im Rathaus, seit sieben Jahren lebt sie zufrieden im Bürgerhaus in Wohmbrechts, das mit einem Dorfladen verknüpft ist, einen Steinwurf vom modernisierten Rathaus entfernt.Das ist der Umschlagplatz von Neuigkeiten, Nachrichten oder Tratsch. "Der Laden ist ein wahrer Segen", sind sich alle Teilnehmer einig. Und er wird auch angenommen.
Privater Fahrdienst möglich?
Ein Altersheim wird nicht vermisst. In der nahen Stadt Wangen und im Nachbardorf Opfenbach gibt es zwar Plätze, "doch bei uns wird solange es geht zu Hause betreut und gepflegt", erzählt Behindertenbeauftragte Ingrid Schief nicht ohne Stolz. Der Zusammenhalt im Dorf sei sehr groß.
Und ohne diesen Zusammenhalt über die Generationen hinweg wäre das Leben in Hergatz für manchen alten Menschen nicht möglich oder überaus beschwerlich, auch wenn die Hausärztin aus Opfenbach noch ins Haus kommt. Der öffentliche Personennahverkehr kann nach wie vor nicht das leisten, was wünschenswert wäre. Besonders schlimm ist es in Zeiten von Schulferien.
Menschen ohne Auto sind abhängig von der Hilfsbereitschaft anderer, die ihnen Waren mitbringen oder sie mitnehmen. Die Seniorenbeauftragten Irmgard Schmid und Ingeborg Schuleit denken über die Organisation eines privaten Fahrdienstes nach.
Vieles sei da, müsse nur besser vernetzt werden, bekunden sie.
Selbst in Wohmbrechts, das von der belebten Bundesstraße durchzogen ist, halten Busse selten. Und teuer ist es obendrein, wird beklagt. Im Straßendorf ist es "langweilig". Das sagt selbst Adelheid Müller. Ihre Spaziergänge fallen nicht nur deshalb kurz aus, sondern auch, weil es keine Ruhebänke gibt.
Rathaus, Bank, Feuerwehrhaus, Grundschule, Turnhalle und der Friedhof an der Kirche. Eine Pizzeria, eine Gaststätte und ein Motorradgeschäft, das war’s dann auch. Das kleine Gewerbegebiet liegt am Ortsrand.
Der Sportverein bietet für Senioren Turnen, Radeln, Nordic Walking und Volleyball an. Wie überhaupt "die Vereine viel auffangen", bemerkt Ingeborg Schuleit.
Das Ehepaar Bruno und Beate Buhmann tut sich schwer, sich in ihrem Wohnort Maria-Thann zu bewegen. Auf Schritt und Tritt Fallen und Hindernisse für die Rollstuhlfahrerin, die von ihrem Mann geschoben wird.
Auch vor dem Bürgerstüble in Maria-Thann, wo schon durch eine wenige Zentimeter hohe Stufe der Zutritt nur mit schier akrobatischen Bewegungen möglich wird. Buhmann weist an mehreren Stellen darauf hin, dass ohne großen Aufwand mit kleinen Rampen viel geholfen wäre.
Das schmucke Dörflein hat schon seit Jahren keine Gaststätte mehr. Einmal die Woche, samstags, rollt der Backwagen durchs Dorf. Im Bürgerstüble, das vor einigen Jahren noch eine Bankfiliale war, finden Frühschoppen, Vereinstreffen und private Feiern statt.
Auch die "Spätlese", der Club der älteren aktiven Bürger aus dem ganzen Ort, trifft sich hier. Eine Art Mittelpunkt. Daneben ein Frisörladen und das Feuerwehrhaus. Nicht zu vergessen, der Kindergarten, eine Einrichtung, die Leben ins Dorf bringt.
Es sind die Kleinigkeiten, die die älteren Bewohner stören, ob es Glasscherben vor der Halle sind, oder eine fehlende Leuchte auf dem Parkplatz. Ingeborg Schuleit wäre deswegen neulich im Dunkeln beinahe böse gestürzt, erzählt sie aufgeregt. Auch die Buhmanns wissen um das gefährliche Eck.
"Da gehört eine Lampe hin; da werden wir gleich was unternehmen", schlüpft Schuleit sogleich in ihre Rolle als Seniorenbeauftragte.
Der letzte "Aufreger" ist der Bahnhof, ein Verkehrsknotenpunkt. Nicht gerade ein einladender Ort. Die Schächte sind ausgehoben, doch Aufzüge werden nicht eingebaut, schimpft Franz Scheuerl. Der Fahrdienstleiter ist noch da, darf aber seit Kurzem keine Fahrkarten mehr verkaufen und kann wegen Arbeitsüberlastung auch nicht bei der Bedienung des Automaten helfen.
Warum die Gemeinde es abgelehnt hat, das Bahnhofsgebäude zu kaufen, will Scheuerl gar nicht einleuchten. Es könne den Verantwortlichen doch nicht egal sein, was damit passiere. Für alte Menschen ist neben dem Bus die Bahn oft das einzige Verkehrsmittel, mal aus dem Dorf Hergatz raus zu kommen.





