Seit rund einem Jahr gibt es in Heimenkirch wieder einen Bahnhalt
"Bahnfahren ist eine emotionale Entscheidung" - Die Bayerische Eisenbahn Gesellschaft hat damals die Entscheidung getroffen und gibt nun eine erste Einschätzung - Bilanz erst nach drei Jahren möglich

Von Heimenkirch nach Lindau, Kempten oder Augsburg - seit rund einem Jahr ist dies wieder möglich. Mitte Dezember 2010 wurde der Bahnhalt in Heimenkirch eingeweiht. Die Entscheidung darüber, dass es wieder einen Haltepunkt in der Westallgäuer Gemeinde geben soll, hat die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG) getroffen. Wir haben mit Andreas Schulz, Leiter der Planungsabteilung bei der BEG über das erste Jahr gesprochen.
Herr Schulz, seit rund einem Jahr gibt es in der Marktgemeinde Heimenkirch wieder einen Bahnhalt. Wie ist aus Ihrer Sicht das erste Jahr gelaufen?
Andreas Schulz: Nach einem Jahr kann man das noch nicht beurteilen. Es dauert nach unseren Erfahrungen drei Jahre, bis ein abschließendes Urteil möglich ist.
Weswegen drei Jahre?
Schulz: Unsere Erfahrungen zeigen, dass dies der Zeitraum ist, in dem die Fahrgastzahlen sich verändern, danach bleiben sie in etwa gleich. Bahnfahren ist eine emotionale Entscheidung. Vieles hat darauf Einfluss. Die Menschen brauchen eine Weile, bis sie sich an Neues, auch an neue Angebote gewöhnen und darauf einlassen, das geht nicht von heute auf morgen. Sie überlegen sich etwa, ob sie sich noch ein Zweit-Auto kaufen, oder lassen sich davon beeinflussen, was der Nachbar macht.
Im Fall Heimenkirch kommt außerdem noch eine andere Besonderheit hinzu, weshalb das erste Jahr wenig aussagekräftig ist.
Welche?
Schulz: Im Allgäu wurde im vergangenen Jahr die Neigetechnik eingeführt, weshalb sich der Fahrplan auch für Heimenkirch nochmals verändert hat. Es halten seitdem mehr Züge. Der Fahrplan zuvor war nur ein Provisorium. Deshalb hat der Landkreis erst jetzt die Busfahrpläne an die Züge angepasst.
Kann man die Resonanz auf den Bahnhalt dennoch in Zahlen fassen?
Schulz: Im ersten Jahr waren es circa 50 Fahrgäste pro Tag, die in Heimenkirch ein- und ausgestiegen sind. Damit sind wir zufrieden. Wir hoffen, dass wir in drei Jahren auf 200 Fahrgäste kommen.
Nach welchen Kriterien und Grundlagen entscheiden Sie, ob sich ein Bahnhalt oder -hof rechnet oder nicht?
Schulz: Es wird untersucht, wie hoch die Investitionen, also die Kosten sind, und wie hoch der Nutzen ist. Um für solch ein Projekt etwa staatliche Mittel zu bekommen, müssen unter anderem mindestens 100 Fahrgäste erwartet werden.
Wie wird berechnet, ob tatsächlich so viele Fahrgäste zu erwarten sind?
Schulz: Dies wird durch komplexe wissenschaftliche Studien ermittelt, die zum Beispiel die Zahl der Schüler und Pendler, der Einwohner im Umfeld des Halts und den Freizeitverkehr berücksichtigen.
Hat es bei der Entscheidung eine Rolle gespielt, dass es in Heimenkirch schon einmal einen Bahnhof gegeben hat?
Schulz: Nein, das hat keine Rolle gespielt. Es ist ja schon sehr lange her, dass es einen Haltepunkt in Heimenkirch gab.
Sind in Ihren Berechnungen auch die Auswirkungen berücksichtigt, die der neue Bahnhalt Heimenkirch auf die beiden Westallgäuer Bahnhöfe Hergatz und Röthenbach hat?
Schulz: Ja, das wurde berücksichtigt. Wichtig ist dabei natürlich, dass die Differenz weniger ausmacht als der Hinzugewinn an Fahrgästen. Dies war auch unser Ergebnis.
Werden die Auswirkungen des Bahnhalts in Heimenkirch auf die angrenzenden Bahnhöfe untersucht?
Schulz: Ja, dazu werden wir jedoch auch drei Jahre abwarten. Derzeit ist die Entwicklung der gesamten Strecke, also von Immenstadt nach Lindau, sehr positiv. In den vergangenen fünf Jahren haben wir hier 30 Prozent Zuwachs registriert und zählen mehr als 2000 Fahrgäste. In Hergatz und Röthenbach sind es jeweils 500 Ein- und Aussteiger.Das Angebot konnten wir gerade durch die Alex-Züge nochmals erweitern können. (Interview: Anna Feßler)
Andreas Schulz





